Paula Pülz von „Spielzeugfreies Kinderzimmer“

Interviewreihe

Paula Pülz von "Spielzeugfreies Kinderzimmer"

Paula Pülz lebt mit ihrer Familie in Berlin und begann mit dem Blog „Spielzeugfreies Kinderzimmer“ nachdem die Ankündigung einer großen Kinderzimmer-Ausräum-Aktion auf Facebook unter ihren Bekannten wie eine Bombe eingeschlagen und großes Interesse hervorgerufen hatte.

Seitdem bloggt sie über den Fortschritt des Projekts und das große Aufatmen, das mit dem spielzeugfreien Kinderzimmer durch die Familie ging.

Liebe Paula, zuerst einmal vielen Dank, dass Du Dir die Zeit für ein Interview genommen hast!​

Was bedeutet ein einfach gutes Leben für Dich?

"Momentan würde ich sagen, Zeit und Selbstbestimmtheit machen mein Leben schön. Ich glaube, das ändert sich je nach Lebensphase, in der ich mich befinde. Kleine Kinder fordern viel Zeit und ich habe etwas gebraucht um festzustellen, dass das nicht nur die Zeit betrifft, die man tatsächlich mit ihnen verbringt, sondern auch Zeit, die ich alleine zum Kraft schöpfen verwenden kann.

Kam ich früher nach einem langen Arbeitstag nach Hause, hatte ich den Abend zum entspannen – in welcher Form auch immer. Im Familienleben stehen so viele Aufgaben, Erledigungen und Entscheidungen an, vieles kann nicht mehr im Vorbeigehen („schnell mal einkaufen“ – HA!) erledigt werden, dass meine ehemals einfache Rechnung „Arbeit bis nachmittags, dann Kinder – alles schick“ einfach so nicht mehr funktioniert.

Mittlerweile ist mein Berufsleben so selbstständig und selbstbestimmt, dass ich in derZeiteinteilung sehr flexibel bin und mir auch Frei-Zeiten schaffen kann, wenn es bei uns gerade anderweitig hoch hergeht. Dadurch bin ich entspannter und damit ist es auch der Rest der Familie"


Gibt es ein Vorbild an dem Du Dich orientierst?

"Mich beeindrucken Menschen, die gelassen sind. Natürlich erlebt man die meisten Menschen immer nur in einem Ausschnitt ihres Tages, aber oft sehe ich Mütter oder Väter mit ihren Kindern in einer Situation umgehen, in der sie mich durch ihre Offenheit oder eben Gelassenheit beeindrucken und dann speichere ich das ab für Zeiten, in denen es mir schwerfällt, entspannt zu bleiben. Und manchmal klappt es dann, mir das vor mein inneres Auge zu rufen."


Wie erleichterst Du Dir den Alltag?

"Wir haben Schule und Kindergarten in Laufweite – sehr bewusst haben wir das zu einem der obersten Kriterien bei der Auswahl gemacht und profitieren täglich davon. Die Kinder haben kaum Nachmittagsaktivitäten und wenn, dann machen sie die oft mit Freunden zusammen und wir wechseln uns mit den Eltern beim Bringen und Holen ab. Dadurch haben wir mehr Zeit füreinander, für Besuche von oder bei Freunden oder zum einfach Nichts tun. Zwischendurch bestellen wir immer mal Einkäufe beim Lieferdienst, je nach Arbeitsvolumen bei uns. Mein Mann und ich nutzen eine Einkaufslisten-App, die sich auf unseren Handys synchronisiert – das war für uns tatsächlich ein Meilenstein. Genauso der geteilte Google-Kalender."


Welche Fehler hast Du bisher auf Deinem Weg zu einem einfach guten Leben gemacht und was hast Du daraus gelernt?

"Fehler würde ich nicht sagen, also, wirklich bereuen tue ich nichts. Ich hätte sicher einiges anders gemacht, wenn ich vorher gewusst hätte, was ich jetzt weiß. Aber es ist müßig, darüber nachzudenken. Ich hätte z. B. zwischen meinen beiden Kindern einen größeren Abstand gelassen (sie sind ein Jahr und neun Monate auseinander), wenn ich gewusst hätte, wie mich das erste Jahr mit zwei so kleinen Kindern schafft.

Früher dachten mein Mann und ich irgendwie, zum Erwachsenwerden (bzw. –sein) gehörten die „Standarderrungenschaften“, die unsere Eltern hochhielten – Haus, Auto, große Bücherwand. Wir häuften mehr und mehr Zeugs an, versuchten, im Job weiterzukommen und „etwas zu erreichen“. Das haben wir dann zum Glück abgeschüttelt, den Ehrgeiz (der nie unserer war) und das Zeugs auch.

Damit einher gingen die Kündigung meines Jobs und der Beginn meiner wunderbaren, kurvigen Selbstständigkeit, die sich ständig weiter und anders entwickelt und eben auch die zusehends übersichtlichere Wohnung, die immer noch und wohl auch weiterhin nur eine mäßig große Dreizimmerwohnung ist, obwohl wir vier Personen sind. Es reicht völlig und zur Not ziehen wir ebennoch ein paar Hochebenen ein..."


Welche gute Gewohnheit hat Deinen Alltag am meisten positiv verändert?

"Die ständige und bedingungslose Bereitschaft, etwas zu verändern und an die Lebensumstände anzupassen."


Deine drei wichtigsten Tipps für ein einfach gutes Leben?

  • "Weniger ist mehr.
  • Hol Dir Hilfe, bevor du sie brauchst.
  • Immer etwas zum Lachen finden."

Gibt es Bereiche, an denen Du selbst noch arbeitest?

"Immer, ständig. Mir selbst vertrauen ist manchmal kein Ding, manchmal unheimlich schwer. Geduldig mit den Kindern sein, auch wenn sie gerade ganz anders reagieren, als ich das gerne hätte. Andere Dinge anders als ich tun lassen..."


Welche Themen erwarten uns in den nächsten Wochen und Monaten auf Deinem Blog?

"Es ist in den letzten Monaten sehr ruhig gewesen im Blog, weil in unserem Leben sehr viel anderes los und wichtig war. Das ist immer noch so, deshalb mag ich gerade nichts versprechen. Es ist aber definitiv endlich mal ein neuer Bericht darüber fällig, wie es in unserem Kinderzimmer gerade aussieht (nämlich überhaupt nicht spielzeugfrei), weshalb wir aber trotzdem das „Konzept“ bzw. die Idee weiterhin hochhalten und auch praktizieren. Das schaffe ich hoffentlich noch vor Weihnachten..."


Liebe Paula, ich danke Dir und freue mich, dass Du Teil dieser Interviewreihe bist!